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Interview
mit dem Gastronom Herr Bergjürgen (Haltern)
Mai 2005
1.
Welche Art von
Gastronomie betreiben Sie?
Landgasthaus mit
Außengastronomie
140
Jahre!
Meine
Heimatstadt Haltern hat knapp 40000
Einwohner. Haltern ist eine Flächengemeinde nördlich des
Ruhrgebietes und wird
speziell an den Wochenenden von vielen Tagesausflüglern besucht.
Auch unser
Betrieb erzielt hierüber einen Großteil seines Umsatzes. Man
ist in aller Regel
Kollege und natürlich auch respektierter Mitbewerber. Unsere
Gastronomie
liegt in Alleinlage in der Nähe einer
Bauernschaft; es gibt demzufolge keine unmittelbare Konkurrenz. In
unserer
Stadt findet man abgesehen von Spitzengastronomie alle Arten von
Gaststätten.
Getränkefachgroßhandel
Getränkefachgroßhandel
König
Pilsener, Krombacher, Diebels vom Fass, im
Mai auch Bockbier, Franziskaner Weizenbier und Potts Weizenbier aus der
Flasche,
40 % Getränke, 60 % Speisen
national, in Ermangelung eines regionalen Angebotes ( Umkreis
30 km )
Pilsener-lastig und als Essensbegleiter
In meiner Heimatstadt Haltern gab es
seit Bestehen unserer Gaststätte
keine Brauerei. Bis Ende der Vierziger / Anfang Fünfziger wurden
wir aus der 20
km entfernten Kreisstadt mit Flaschenbier und ab dann auch zunehmend
mit
Fassbier beliefert. Der Exportanteil gegenüber dem Pils lag
über 50%, nahm
jedoch von da an stetig ab und liegt mittlerweile bei null ( seit
ca.1995 ).
Seit Ende 80er kam Weizenbier hinzu. Altbier seit ca.1970.
Kontakte entstanden i.d.R. über den
Getränkefachgroßhandel.
Eher
weniger. Wenn, dann über Werbung, eigene
Erfahrung und ggf. Fachpresse.
Abgesehen
von einigen sog. Hausbrauereien ist der
hiesige Biermarkt durch die überregionalen Marken geprägt.
Ein regionales Bier
mit authentischem Hintergrund würde ich auf jeden Fall
ausprobieren wollen.
Welcher
Unternehmer tut das nicht! Ein sich wandelndes
Konsumentenverhalten findet natürlich auch immer seinen
Niederschlag in einem
veränderten Angebot. Wir bemühen uns jedoch unser Angebot
weitestgehend von
Mode – und Trendgetränken im Flaschenbierbereich freizuhalten. Wir
mischen
unser Alster noch selbst.
Vor dem Hintergrund einer überaus schwierigen Banken getragenen Finanzierung im Gastrobereich sind die Brauereikredite absolut unverzichtbar. Man sollte annehmen, dass die Brauereien in der Vergangenheit ihre Kredite wohl überlegt gewährt haben; das scheint vielerorts jedoch nicht so gewesen zu sein. Oft spielte die Markenpräsenz offenbar eine größere Rolle als ein überzeugendes tragfähiges Konzept mit realistischen Absatzzahlen. Unter dieser verfehlten Politik leiden meiner Meinung nach heutige Jungunternehmer, die durchaus gute Ideen und realistische Umsatzprognosen beibringen, jedoch mittlerweile die deutlich restriktivere Darlehnsvergabe seitens der Brauereien bzw. des großen Getränkefachgroßhandels zu spüren bekommen.
Kommentare zu den
Antworten
1. Niedergang der Biersorte Export: Die Entwicklung der Biersorte Export (s. Frage 7) im Angebot der Gastronomie Bergjürgen ist sicherlich ein Indiz für den generellen Niedergang der Sorte Export. Bei einer sterbenden Sache ist es oft recht einfach „noch mal hinterher zu treten“, somit werden oft Vergleiche, bzw. Gründe gesucht, warum die Popularität dieser Biersorte sinkt, so wird dies z.B. oft mit dem Strukturwandel einer arbeiterintensiven Region in Verbindung gebracht, mangelnde Eleganz und ungepflegtes Image sind weitere Begründungen.
Export, von seiner Herkunft her, ist ein Ableger des um die Jahrhundertwende entstandenem Helles. Helles galt als Gegenpol zu der damals schon recht populären Art des Pilsner-Bieres und schien sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl recht gut in Deutschland etabliert zu haben. Export selbst stellt eine (stammwürzebezogen) gehobene Version eines Helles dar (gebraut in „Export“-Stärke). Mindeststammwürze ist 12 Grad Plato, wohingegen ein Export Spezial 13 Grad Plato mindestens aufweisen sollte.
Im Vergleich zu der anhaltend ausgeprägten Popularität eines Helles in Bayern, bzw. in Österreich, kann man sich fragen, warum das Dortmund-geprägte Export einen dermaßen großen Niedergang erleben musste. Eine Erklärung wäre zu finden mit einer vermeintlichen Megatrendverliebtheit der großen nordrhein-westfälischen Brauereien. Gemessen an der steigenden Popularität des Pilsners wirkte Export als „Marke“ wohl eher schal und unattraktiv. Höhere Margen und besseres Image lockten. Der Nachteil war, dass in einem homogenen Markt entweder nur Preisaggressivität, Preisabsprachen oder mehr oder minder hohes Empfinden von Mehrwert hilft. Mehrwert würde durch besonders ausgefallene Gläser, Assoziation mit gehobener Gastronomie und einer Unsumme an Werbung, die einem alles mögliche an Gesellschaftsfähigkeit des Produkts einredet, geschaffen werden. Gewinner ist die Brauerei, die diese Maschinerie am längsten durchhält, bzw. bis sich vielleicht ein Oligopol gebildet hat, nach dem Vorbild der Mineralölgesellschaften.
Wie hätte es auch für die nordrhein-westfälischen Brauereien laufen können? Glaube und Anstrengung in die regionale Stärke zu setzen, seine Kunden mit den bekannten Sorten zu begeistern und eine Kultur der Stärke und eigenständigen Weiterentwicklung der eigenen Biersorten und –marken zu schaffen und benachbarte Brauereien als Kollegen zu sehen.
2. Wenig Möglichkeiten der Orientierung beim Bierangebot: Wie findet ein Bier zum Konsumenten? Dreh- und Angelpunkt ist der Handel. Hier treffen Angebot und Nachfrage zusammen. Der Kunde kauft das, was er vorfindet und/oder fragt das nach, was er in irgendeiner Weise kommuniziert bekommen hat (Urlaubserlebnis, Fernsehwerbung etc.) Der Handel bietet im Idealfall das an, wovon er sich die meiste Spanne verspricht und/oder das was das Image fördert, was er wünscht aufzubauen. Aber wie findet der Handel zu seinem gewünschten Angebot? Es gibt weder für Verbraucher, noch für den Handel, bzw. die Gastronomie breitangelegte, für Anbieter und potentielle Kunden frei zugängliche Treffmöglichkeit, um sich über das Angebot an Bieren zu informieren. Die Internorga ist in erster Linie eine fachliche Gastronomiemesse, wenn Brauereien sich präsentieren, dann eher zur Pflege des Kontakts für bestehende Kunden, die zwei Biermessen in Nürnberg und München sind fast ausschließlich Zulieferermessen für die Braubranche selbst, lediglich die Einkaufsmessen der G4, der großen Einkaufskooperationen in deutschen Getränkehandel werden in Zukunft Einkaufsmessen bieten, allerdings eingeschränkt auf die gelisteten Zulieferer und auf die angeschlossenen Käufermitglieder.
Was fehlt in der deutschen Getränkehandelsbranche? Umfassende Orientierungs- und Einkaufsgelegenheiten für den Handel. Vermarktungs- und Angebotsstrukturen, die auch kleine Hersteller unterstützen, so z.B. übergeordnete Vermarktungsabteilungen von einer Gruppe von regional gebundenen Brauereien, ein Agenturwesen, welches von der Vermittlung von Produkten lebt etc.
3. Wie entsteht Konsumverhalten? Dies ist eine wahrscheinlich nie zu ergründende Antwort... Aber es entstehen oft Trends, die getragen werden von einer guten Portion Werbung und vermittelt wird in trendaffinen Orten (z.B. Szenegastronomie). Trends sind prinzipiell eine gute Sache, denn sie sind das Medium in dem neue Produkte in unsere Umwelt gelangen. Sie bedingen auch manchmal Gegentrends und so entsteht eine Wechselwirkung, die mit Glück wirklich nützliche und interessante Produkte in unserem Leben langfristig platzieren. Auch die Methoden (speziell Werbung) sind nicht verwerflich und prinzipiell dem angemessen, was man als Hersteller versucht zu erreichen. Jeder Trend birgt auch eine Möglichkeit, entsprechend darauf zu reagieren. Angenommen, ich als Gastronom kann der Produktqualität eines Biermischgetränks nichts abgewinnen, warum nicht ein Biercocktail-Aktionsabend machen, in dem verschiedene persönlich gemischte Getränke angeboten werden?
Was unterstützt Trends? Aufgeschlossenheit und die Magie des Produkts Zeitgeist oder besser noch einen tiefsitzenden persönlichen Wunsch emotional anzusprechen. Gerade zweiteres wird gut durch saisonale Gegebenheiten und regionaler Verbundenheit ermöglicht und um so besser umgesetzt, je authentischer ein Produkt ist. Welches Produkt schafft es am besten ein Oktoberfest-geeignetes Bier zu sein? Welches Produkt ist Fastenbier-geeignet? Wie muß ein Bier hergestellt sein, damit es WIRKLICH nach Weihnachten schmeckt? Welches Bier erreicht die „Seele“ der Region, in dem es hergestellt wurde, welche geschmacklichen Eigenschaften muß ein Bier aufweisen, damit es besonders gut mit regionaler Küche harmoniert? Gerade letztere Frage fühlt sich z.B. die Organisation „Slow Food“ verbunden, in dem versucht wird regionaltypische Produkte zu fördern.
4. Gibt es Hoffnung für die gastronomische Finanzierung? Laut den Aussagen von Herrn Bergjürgen, hat die Finanzierung von Gaststätten durchaus schon mal bessere Zeiten erlebt. Das Instrument „Brauereikredit“ (die Vergabe von Finanzierung durch die dann per Exklusivvertrag liefernde Brauerei) wurde möglicherweise in einem fortwährend stark geführtem Verdrängungswettbewerb immer unzuverlässiger. Bei der Jagd nach immer neuen gastronomischen Absatzstätten, wurde möglicherweise ein Absatz und ein Preisgefüge in der Gastronomie zementiert, der von den Verbrauchern nicht ausreichend honoriert wurde. Herr Bergjürgen verweist auf bereitwillig engagierte Jungunternehmer mit schlüssigen gastronomischen Konzepten, die aber mangels Vertrauen der kreditgebenden Stätten keine Chance bekommen.
Vorallendingen fehlt Vertrauen und eine solidere Basis der Förderung der Branche. Es fehlen wohl maßgeblich einige Mechanismen, die eine lebhafte und erfolgreiche Branche fördern. Z.B. Wettbewerbe für das beste Gastronomiekonzept, eine Art „Meister-Schüler“ System, in dem ältere und erfahrenere Gastronomen jüngere anleiten, vielleicht ein unabhängiges finanzielles Förderwesen z.B. in Form einer Stiftung und vorallendingen mehr freien Wettbewerb, der gerade durch Brauereikredite stark unterbunden wird.