KGB-LogoKAMPAGNE  FÜR  GUTES  BIER
Die Verbraucherinitiative für mehr Biervielfalt
VERBRAUCHER
DER VEREIN
VERBRAUCHER
FACHWELT
START

Die Befremdung eines Bieres
Aus dem Lebenszyklus einer Biermarke

 
Es war einmal...

ein charaktervolles, sehr regional geprägtes Bier. Es hatte alles, was diese Biersorte auszeichnete, die nachweislich hochwertigsten Rohstoffe aller ähnlichen Biere, eine späte Hopfengabe in der Kochphase, die das Aroma des eingesetzten Edelhopfens bestens zur Geltung
brachten und ein lange Lagerzeit, die zu einer ganz natürlichen Klärung des Bieres führte. Alles Indizien dafür, dass bei diesem Bier alles auf Qualität ausgerichtet war.

Nun kam es, dass dieses Bier so gut war, dass schließlich auch andere Händler außerhalb dieser Region auf dieses Bier aufmerksam wurden. Das freute den Brauer, denn steigender Umsatz half dabei das Bier auch für die Zukunft weiterzuentwickeln.

Neue Gebindeformen wurden auserkoren, die Flaschenform geändert, neue Etiketten entworfen – das Geschäft lief blendend. Der Vertrieb sprach sich für eine Marketingabteilung aus, um den Absatz langfristig zu sichern. Das Marketing schaltete Werbungen, Gedanken wurden sich gemacht über die Abgrenzung der Marke gegenüber den Mitbewerbern. Ein exklusives Glas wurde gestaltet. Schlank und tulpig, aber doch eine Nuance höher als die Gläser anderer Marken – man wollte sich aber nicht wirklich zu sehr von den größeren Trends der Glasgestaltung entfernen aus Angst man könnte in der Gunst des Konsumenten sinken. Inzwischen, wie man merkt, ist aus dem regionalen Bier eine nationale Marke geworden.

Der Absatz flachte etwas ab, deshalb wurde entschieden, dass wir unsere Marke mit dem Untertitel Premium zu versehen war, damit dem Kunden suggeriert wird es handele sich hier um ein schlagartig hochwertiger gewordenes Produkt. Gleichzeit warnte das Controlling, dass mittelfristig die Kosten zu stark ins Gewicht fallen würden. Das Brauen wurde effizienter gestaltet, Malz und Hopfenlieferanten werden preislich unter Druck gesetzt, einige Mitarbeiter mußten entlassen werden.

Es wurde die Devise ausgeben „Unser Bier in jedem Imbiss“, in Konsequenz wurden riesige Budgets für Kredite für die noch so kleinsten gastronomischen Betriebe bereitgestellt. Inzwischen hatten die Anwälte der Brauerei mehr mit säumigen Kunden zu tun als die Brauer mit dem Brauen.

Geschmacklich erfolgt eine Angleichung an populäre Trends, denn es wurde festgestellt, dass ein ausgeprägtes Hopfenaroma von 67% der Bundesbevölkerung nicht wirklich erwünscht war. Inzwischen wurden Abermillionen für Werbung ausgegeben, denn es galt maßgeblich den Markennamen zu schützen.

Inzwischen ist aus dem Produkt ein faktisch komplett austauschbares geschmackliches Nichterlebnis geworden. Die Werbung gibt sich alle Mühe die Gesellschaftsfähigkeit, Umweltbewusstsein und Naturverbundenheit des Produkts den Konsumenten immer und immer wieder einzutrichtern.
 
Im Resumée, besteht der Preis dieses Produktes jetzt aus Wasser, Malz, Hopfen, Hefe, Herstellung, Verpackung, Exklusivglas, Brauereikredit, Marketing, Werbung und Anwaltskosten – vielleicht ist das das Reinheitsgebot für wirklich große Marken.
 
Das der Kunde heutzutage aber leider keinen Brauereikredit und Werbung kaufen möchte, sondern nur ein billigstes Produkt, dass gerade noch mit Bier tituliert werden darf, fragt man sich, an welchem Punkt in der Entwicklung dieses einst kleinen Bieres möglicherweise etwas schief gelaufen ist.


Hier ein paar Tipps, wie man sein Bier vielleicht auch sehen könnte:
  1. Eine Definition von Marketing besagt, alles zu tun, damit sich das Produkt irgendwann von selbst verkauft. Statt ein austauschbares Produkt mit werbegetragenen abstrakten Attributen, wie Gesellschaftsfähigkeit oder Umweltbewusstsein zu stärken könnte man sich auch einfach auf eine kompromisslose Qualität, bzw. objektiv belegbare Einzigartigkeit konzentrieren und das versuchen zu vermitteln. Zwei Beispiele: a. Jack Daniels - wohl der berühmteste Bourbon Whiskey – wenn dieser schon Werbung macht, dann vermittelt er recht anschaulich die Zeit, bzw. Reife, die in dem Produkt steigt, b. Guinness Stout: Die größte und vermeintlich auch beste Stout-Brauerei der Welt. Diese Marke muss faktisch keine Werbung machen, wer Stout mag wird dieses Bier wahrscheinlich auch als das hochwertigste dieser Biersorte empfinden.
  2. Oben war die Rede vom Reinheitsgebot. Es könnte durchaus so sein, dass der Preis zumindest annährend der Indikator der Qualität eines Produktes ist. Wenn es keine Beeinflussung durch Werbung oder z.B. emotional bedingte Nachfrage, d.h. Trends gäbe, dann würde dies sicherlich auch möglich sein. Da wir diesen puristischen Zustand allerdings wohl nie erreichen werden verbleibt nur zu sagen, dass jeder Hersteller ein Gefühl dafür entwickeln sollte, was sein Produkt abhängig von Qualität und gewünschter Absatzmenge wert sein sollte. Das geht (preislich) nach oben, wie z.B. mit den sehr seltenen und hochwertigen Bieren des Trappistenklosters Westvleteren oder nach unten, wie mit Fabrikmarke Öttinger. Allerdings hat Öttinger eines bewiesen: Der Biermarkt hat sich zu lange nur darauf konzentriert, dem Verbraucher Bier und dessen weiche und abstrakte produktfremde Merkmale mit Unmengen an preistreibenden Mitteln anzudienen. Kommt daher ein Purist, der einfach schier unglaubliche Massen an knapp kalkulierten Bier auf den Markt schmeißt und schon wird die ganze Monomarkenkultur mit deren minimalistischen Unterschieden aufgemischt. Nachteilig ist leider der gesamte Imageverlust für Bier an sich, denn wer mag da noch daran denken wahrlich exklusive, hochwertige und charaktervolle Biere für einen gehobenen Preis anzubieten, wenn man es als „Bier“ verkaufen muss.
  3. Bier ist vielfältig, zumindest existieren die Möglichkeiten dazu. Aber es wird zu wenig unternommen, um diese Vielfalt auch zu pflegen. Es werden zu wenig Spezialitäten angeboten, bzw. entsprechend auch nachgefragt, im Grunde werden diese zu wenig in Medien besprochen. Jeder trinkt Bier, aber keiner kennt dieses Produkt. Es fehlt an Bierwettbewerben, nachvollziehbaren Qualitätsführern, Exoten und Exzentrikern, progressiven Leuten, einer insgesamt produktentwickelnden und lebhaften Braubranche in der alle möglichen Arten von Persönlichkeiten existieren – nur von einem scheint es genug zu geben: Traditionalisten. Dies ist ein Entwicklung, die eher rückwärtsgewandt ist.