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KAMPAGNE
FÜR GUTES BIER
Die
Verbraucherinitiative für mehr Biervielfalt
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FACHWELT
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Das
deutsche Biersortenestablishment
Und
was kommt danach?
Als
Aufarbeitung der Biersortenbeschreibung der
Style Guidelines des U.S.
amerikanischen Beer Judges Certification Program
wird
hier eine Reihe von Vorschlägen präsentiert, wie sich die
deutschen Biersorten
möglicherweise weiterentwickeln könnten.
Bei
genauerem Durchlesen der Biersortenbeschreibungen erfährt man ein
wenig über
die Entwicklung der deutschen Biersorten und kann auch
möglicherweise
nachvollziehen, warum die deutschen Sorten sich heutzutage so
präsentieren.
Eine
kleine historische Aufarbeitung der deutschen Biersortenentwicklung
Deutschland
ist heutzutage ein fast vollständig untergärig geprägtes
Land. Während sich mit
Weizenbier, Alt und Kölsch mehr oder minder starke
(obergärige) „Inseln“ im
Geschmacksmeer
der Verbraucher halten, so sind die (untergärigen) Mengenbringer,
wie Pilsner, Helles,
Export
etc. extrem bedeutend.
Der
Siegeszug dieser Form der Bierherstellung ist wohl maßgeblich auf
die
Entdeckung, bzw. Isolierung der untergärigen Hefe ca. Mitte des
19.
Jahrhunderts zurückzuführen. Die Forschung durch Pasteur, die
2. industrielle
Revolution, sowie die Erfindung der Kältemaschine haben in der 2.
Hälfte des
gleichen Jahrhunderts die Branche komplett umgekrempelt, was sicherlich
eine
massive Zweitteilung des Marktes mit sich brachte – einerseits moderne,
finanziell gut ausgestattete tendentiell untergärige brauende
Betriebe
gegenüber „frei“ brauenden traditionellen Betrieben.
Mann
könnte spekulieren, dass die Aufhebung des Weissbiermonopols in
der 2. Hälfte
des 19. Jahrhunderts vielleicht notwendig war, damit diese Biersorte
überhaupt
überleben konnte.
Der
Österreicher Anton Dreher, sowie der Deutsche Gabriel Sedlmayr
haben neben dem
bereits recht etablierten Bier Pilsner Art mit ihrer Forschung und
Erprobung
von zeitgemäßen untergärigen Biersorten die Sorten
Wiener Typ, bzw. Helles und
Dunkel erschaffen. Mit der Biersorte Helles sollte ein Gegengewicht zu
den
Bieren Pilsner Art geschaffen werden. Während der von Anton Dreher
kreierte Wiener Typ in
Österreich
angeblich praktisch ausgestorben ist, hat sich diese Biersorte
erstaunlicherweise durch die Überseepräsenz der
Österreicher in Mexico gut
halten können. Helles und Dunkel sind fest etablierte Biersorten
in Bayern.
Die
bedeutenden Biersorten heutzutage leiten sich maßgeblich aus
dieser Entwicklung
am Ende des 19. Jahrhunderts ab. Eine Ausnahme stellt das Bockbier dar,
was
wohl tatsächlich aus der norddeutschen Stadt Einbeck stammt, aber
zu
großem Ruhm
erst mit der systematischen Herstellung in Bayern kam.
Man
kann durchaus alle untergärigen Biersorten heutzutage in
Deutschland relativ
kompakt beschreiben: betont malzlastig, mäßiger Gehalt an
Kohlensäure, mäßiger,
fast schon grenzwertiger Einsatz Hopfen, Hang körperreich, bzw.
vollmundig. Dies scheint eine feststehende Übereinkunft in der
deutschen
Bierlandschaft zu sein. Ferner ist es auffällig, dass deutsche
Biere eher
zutatenbasierend und nicht herstellungsbasierend sind. So spielt die
Herstellung eines Bieres in der Entstehung einer Biersorten keine
vordergründige
Rolle, außer vielleicht bei einem Eisbock, wo das Einfrieren des
Bieres und die
Konzentrierung des Bieres durch das Entfernen des entstehenden Eises
herbeigeführt wird.
Vielleicht
kann man schon erkennen, dass die Vielfalt gerade bei untergärigen
Sorten stark
durch den Entwicklungsprozess der Biersorten und dem Hang der nur
marginalen
Weiterentwicklung der Biersorten beeinträchtigt wurde.
Die
Weiterentwicklung von obergärigen Sorten wird möglicherweise
gehemmt, weil
diese heutzutage nicht „Massentrend“-tauglich erscheinen.
Welche
Formen der Weiterentwicklungen stehen zur Verfügung?
Zutaten
Hopfen
Hier
wird bewusst nicht mit Malz angefangen, dann es ist absolut
unverständlich,
dass die Bedeutung von Hopfen so wenig in der Herstellung von Bieren in
Deutschland gewürdigt wird. Deutschland hat neben dem Yakima
Valley im
Nordwesten der U.S.A. die bedeutendste Produktion von Hopfen auf der
Welt.
Ferner wurde die Anwendung von Hopfen durch das Reinheitsgebot in der
deutschen
Bierherstellung ja praktisch zementiert. Alles Ansätze, dass ein
Land, welches
so bedeutend in der Förderung der Bierzutat Hopfen ist, auch mehr
Wert auf
einen wirklich aussagekräftigen Einsatz von Hopfen legen sollte.
S. dazu
genauere Betrachtungen bei den Biersorten und
Weiterentwicklungsmöglichkeiten
weiter unten.
Hopfen
teilt sich grob ein zwei Kategorien, die Bitterhopfen- und
Aromahopfensorten.
Der Bitterhopfen ist das Arbeitstier in der Bierherstellung, dies soll
Grundbittere gewährleisten und einige chemische Prozesse, wie z.B.
das
Ausfällen von Eiweißen in der Kochphase unterstützen.
Diese Hopfensorten werden
in der Regel am Anfang der Kochphase beigegeben. Die Aromasorten sind
für die
Verfeinerung da. Durch eine späte Beigabe in der Kochphase sind
sie
hauptsächlich dazu da das Bier interessiert „zu würzen“. Eine
frühe Beigabe in
der Kochphase wäre eine Verschwendung.
Gerade
der Einsatz von hochwertigeren Aromahopfensorten und vorallendingen die
zeitgerechte Nutzung dieses Hopfens sind wichtige Kriterien ein
interessantes
Bier herzustellen. In Deutschland fast in Vergessenheit geraten, hat
das
sog.
„Dry-Hopping“ in der U.S. amerikanischen (speziell weststaatlichen)
Kleinbrau-Szene geradezu
Kultstatus.
Diese Methoden der späten Hopfengabe stellen auf jeden Fall
sicher, dass die
schönsten Geschmäcker des Hopfens auch wirklich beim Kunden
ankommen. Es wäre
dringend notwendig alte Methoden, wie das Hopfenstopfen und den
Hopfentee
wieder zu reaktivieren. Einige schöne Beispiele zum Einsatz
solcher Methoden
finden sich in der Bierrezepteliste
auf dieser WebSite.
Malz
Malz
ist eine ebenso hochentwickelte Zutat in der deutschen Bierbranche und
sie
wird vielfältiger genutzt als Hopfen. Die Spannbreite
reicht von
hellem Gerstenmalz bis hin zu Spezialmalzen, wie Rauchweizenmalz.
Allerdings
ist die Verwendung von Gerste und Weizen absolut dominierend,
maßgeblich wohl
wegen der ökonomischen Vorteile (z.B. viel Mehlkörper, wenig
Spelze), was eine
Menge Extrakt für das Geld ermöglicht. Man könnte noch
ein wenig mehr in
Richtung alternativer Getreidesorten gehen, denn die werden in der
Regel
derzeit nur entweder als „alternative“ Sorten eingesetzt, d.h.
vornehmlich für
eine biogeneigte Klientel oder für experimentelle Anwendungen. Gut
wäre, wenn
man sich eingehender mit den geschmacklichen Eigenschaften
auseinandersetzt,
wie der Einsatz bei der Bierherstellung das Produkt geschmacklich
beeinflusst,
bzw. man kann sich durchaus auch mal an der hohen Kunst des
„Verschneidens“
heranwagen, großes Vorbild wären die Cuvees der
Bordeaux-Weine.
Bei
den Beschreibungen des Geschmacks der höheralkoholischen Bockbiere
tauchen in
der Biersortenbeschreibung regelmäßig Hinweise zu Trauben-
und Pflaumen-
Anklängen in den Bieren auf, die allesamt auf der Menge, bzw.
Kombination der
Malze zurückzuführen ist. Vielleicht kann man die Herstellung
der Malze auch
mal hinsichtlich eines komplexeren geschmacklichen Profils des Bieres
hin
ausrichten.
Hefe
Die
Hefe beschert uns nicht nur Alkohol und Kohlensäure im Bier,
sondern auch eine
Reihe von komplexen Geschmackskomponenten. Dabei sind auf jeden Fall
die
Fruchtester durch obergärige Hefe bedeutend, während die
Bildung dieser
Geschmackskomponenten bei untergärigen nicht möglich, nicht
erwünscht oder
verpönt ist und selbst bei den obergärigen Sorten nicht
wirklich gefördert wird.
Prinzipiell
bieten die obergärigen Hefen eine größere Bandbreite
interessantere Biere
herzustellen. Bei den untergärigen scheint doch zu sehr Aspekte
wie
Endvergärung und keine Fruchtester im Vorgrund zu stehen.
Auch
sollte man nicht unbedingt vor den Schreckgespenstern höhere
Alkohole oder
Diacetyl Angst haben... ein leichtes Butteraroma kann bei einigen
Biersorten
erheblich zur Bekömmlichkeit beitragen (s. dazu die
Biersortenbeschreibungen).
Siehe
am besten dazu die Liste an Hefestämmen auf dieser WebSite als
Übersetzung des
Angebots der Firma Wyeast Labs.
Wasser
Wasser
ist zwar der größte Teil des Bieres, allerdings auch eher
der unscheinbarste.
Bei der Herstellung von Bier spielt es auch eher nur eine
hintergründige Rolle,
so ist es für verschiedene Biersorten üblich härteres
oder weicheres Wasser zu
nehmen, um entweder dessen Charakter zu unterstreichen oder weil es in
der
Ursprungsregion dieser Biersorte kein anderes Bier gab.
Prinzipiell
könnte man überlegen, ob Wasser charaktervoll genug ist, um
die geschmacklichen
Eigenschaften einer Biersorte eigenständig zu beeinflussen, so
könnte z.B. eine
ausgeprägte Mineralität eventuell dies erreichen.
Hier
müsste man auf jeden Fall noch etwas weiter recherchieren.
Herstellungsprozess
Der
Herstellungsprozess ist in Deutschland, wie schon geschrieben, nicht
tatsächlich von Bedeutung, zumindest was eine bewusste
geschmackliche
Differenzierung betrifft. Es wird auf jeden Fall nicht ausreichend
genutzt, um
damit eigenständige Biersorten zu definieren, wobei ein Eisbock,
wie erwähnt, eine seltene Ausnahme darstellt.
Folgend
ein Durchlauf durch die verschiedenen Schritte in der Bierherstellung
und ein
paar gedankliche Ansätze, um Bier auch hier vielfältiger in
Zukunft zu
gestalten:
Vermälzung
Wie
oben erwähnt, könnte man durch verschiedene Methoden der
Vermälzung
geschmackliche interessante Varianten erstellen.
Maische
Dieser
Teil der Bierherstellung ist das Pendant zum Teeaufbrühen und
bietet im
Fachjargon zumindest schon die Methoden der Infusion (Einweichen mit
warmen
Wasser) und Dekoktion (Abkochen). Mazeration (Einweichen in kaltem
Wasser)
scheint hier keine Rolle zu spielen. Im Sinne der perfekten Umwandlung
von
Stärke zu Zucker, würde wohl ein einfaches aufsteigendes
Infusionsverfahren
ausreichen, allerdings das Abziehen von Teilen der Maische und dem
seperaten
Aufkochen (Dekoktion) wird bei Biersorten eingesetzt, die ein
üppiges
malzbetontes Profil aufweisen sollten.
Mein
Wissen über geschmackliche Variationen bei unterschiedlichen
Verfahren ist nicht
ausreichend, allerdings könnte geprüft werden, ob ab- oder
aussteigende
Infusionen, Variationen in der Häufigkeit, bzw. Zeitpunkten der
Dekoktionsmaischen oder schlichtweg die Länge der Maische einen
Unterschied
machen.
Läutern
Hier
gibt es ein berühmtes Beispiel aus England, wie man hier variieren
kann: Barleywine ist eine Biersorte, die nur den ersten Abzug der
Maische, also die
sog.
Vorderwürze weiterverarbeitet. Der Nachlauf,
bzw. das was durch
die Nachgüsse an Würze zustande kommt könnte verworfen
werden oder es könnte
ein leichteres Bier daraus hergestellt werden.
Beispielhaft
sei hier der qualitative Ansatz des belgischen Trappistenklosters
Rochefort
genannt (kein Zusammenhang zum Läutern beabsichtigt). Die
unterteilen, bzw. bezeichnen Ihre drei Biermarken wie
folgt: 8 (belgische)
Grad, 10 Grad und 12 Grad. Diverse andere Abtei-Biere unterscheiden
ebenso nach unterschiedlichen Stärkegraden.
Belgische Grade basieren auf dem spezifischen Gewicht der Würze.
So wurde ein 8
Grad Bier mit 1,080 kg /Ltr. eingemaischt, 10 Grad mit 1,100 kg /Ltr.
usw. Dies hat wohl nicht mit der Trennung
von
Vorderwürze und Nachgüssen zu tun, aber dieser
„PKW-Modell“-Ansatz könnte auch
hier genutzt werden.
Kochen
Die
Kochphase hat verschiedene Funktionen: Sterilisierung, Ausfällen
von Eiweiß,
Konzentration der Würze etc. Es trägt zur Malzbetonung bei
und unterstützt die
Eindunklung eines Bieres (Bildung von Melanoidinen?), sowie
geschmacklich die
Bildung von Karameltönen etc.
Es
ist aber auch die Phase, wo zumindest in Deutschland 100% des Hopfens
beigegeben wird. Hier könnte eine sehr eingehende
Auseinandersetzung mit dem
Einsatz von Hopfen stattfinden, bis hin in die Post-Kochphase. Das
grobe
System:
frühe Gabe von Bitterhopfen für Grundbittere und chemische
Reaktionen und späte
Hopfengabe von Aromahopfen für den Geschmack. Hier kann und sollte
sehr
detailliert ermittelt werden, was Hopfen geschmacklich leisten kann,
welche
optimalen geschmacklichen Beiträge bei welcher zeitlichen Gabe
geleistet werden
können etc.
Abkühlen
kann
man wohl nicht großartig variieren...
Vergärung
Neben
den Variationen durch die Anwendung verschiedener Hefestämme, sind
Variationen
sicherlich durch Gärlänge, Gärtemperatur und Wechsel in
den Temperaturen
möglich. Gerade bei Gärlänge und Temperatur entstehen
sehr unterschiedliche
geschmackliche Variationen, denn es müssen nicht immer die
allgegenwärtigen
sieben Tage sein.
Welche
Möglichkeiten gibt es mit dem Schlauchzeitpunkt zu spielen, z.B.
das Bier
absichtlich früher in die Lagerphase zu nehmen? In der U.S.
amerikanischen
Heimbrauerszene wird auch oft unterschieden nach 1. Gärung, 2.
Gärung und
Lagerphase, während es in Deutschland üblicherweise nur
Gärung und Lagerung
gibt. Oft handelt es sich bei der 2. Gärung um eine verkappte
Lagerung,
manchmal aber auch nicht – gibt es hier Ansätze ein Bier
geschmacklich zu
variieren?
Dann
ist es bei Piemonteser Weinen üblich während der Gärung
den Jungwein mind. 2x
am Tag umzupumpen, um durch den Sauerstoffkontakt die Gärung
ständig neu
anzuregen und somit mehr Geschmacksnuancen zu ergären. Welche
geschmacklichen
Konsequenzen hätte dies beim Bier?
Lagerung
Die
Lagerung ist eine subtile Möglichkeit der Variation, weil die
Feinheiten erst
in der Ruhe der langen Lagerung entstehen, allerdings trägt eine
lange Lagerung
auch zum Abbau von negativen, wie auch positiven geschmacklichen
Varianzen bei,
prinzipiell wäre es wohl fair zu sagen, dass ein harmonischeres
Produkt mit
einer langen Lagerung entsteht. Allerdings stellt dieser Bereich in der
Brauerei möglicherweise ein zu optimierender Kostenfaktor dar, was
die Qualität
eines Bieres vermindern könnte.
Die
Lagerphase ist maßgeblich für die Entstehung der
Kohlensäure zuständig, je
länger die Lagerphase, umso feiner entwickelt sich z.B. die
Kohlensäure und um
so harmonischer und geschmacklich ausgewogener präsentiert sich
dann das Bier. Der
Kohlensäuregehalt beeinflusst den Charakter eines Bieres
maßgeblich, z.B. bei
einem ungespundeten fränkischen Kellerbier oder am anderen Ende
bei einem
Weissbier. Feinperligkeit ist z.B. auch in der Weinbranche ein
Qualitätsmerkmal, so ist schon ein erheblicher Unterschied
zwischen einem
preisaggressivem Prosecco Frizzante Perlwein und einem 48 Monate
flaschengelagerten
spanischen Cava Schaumwein zu erkennen.
Hier
könnte auch die hohe Kunst der Flaschenlagerung, wie es auch nicht
mehr überall
bei Hefeweissbier praktiziert wird, wieder belebt werden. Die
belgischen
Brauereien pflegen diese Kultur – nirgendwo sonst gibt es so ein
umfangreiches
flaschengelagertes Sortiment. Ein Champagne aus dem Stahltank wäre
ja auch
nicht das, was man sich wirklich wünscht...
Unsere
Biersorten in der Zukunft
Der
Markt stagniert, in vielfacher Hinsicht eine wahre Aussage. Was ist
eine
Ursache für Stagnation – Unbeweglichkeit und fehlender Mut neue
Wege zu gehen.
Demnach ist die Entwicklung der Biermischgetränke (oft von
Biertraditionalisten
als ein Unding abgetan) vom Prinzip her eine Entwicklung, die zu
begrüßen ist,
da sie in einem wachsenden Segment die Konsumenten mit neuen Kreationen
versucht zu erreichen. Ist es allerdings der deutsche Weg, dass solche
Entwicklungen
immer wie ein Flächenbrand über die Bevölkerung
herziehen müssen?
Neuerungen
sind wichtig, allerdings sollten sie eine nachweislich qualitative und
konsumanregende Bereicherung des Angebots darstellen. Die Dynamik der
Neuerungen sollte immer aus der Situation Vorbild-Verbesserung
heraus entstehen und langfristig dazu führen, dass Hersteller zu
Spezialisten
in dem werden, was sie für sich als Produkt, bzw. Marktsegment
definiert haben.
Klingt ein wenig nach der folgenden Definition des Zwecks von
Marketing:
Marketing ist dazu da, das Produkt so
(einzigartig) darzustellen, dass es sich von alleine verkauft.
Das
sollte sich jeder Hersteller fragen, bzw. Gedanken machen, wie er dies
über
seine Produkte erreichen kann, dann wird es auch eines Tages ein
interessantes,
dynamisches und verbrauchergerechtes Bierangebot geben.
Somit
ist es zwangsläufig notwendig, sich auch über die
Weiterentwicklung der
bestehenden Biersorten Gedanken zu machen:
Pilsner/Helles/Export
Diese
Gruppe der hellen untergärigen Volksbiersorten ist leider von
einer Ähnlichkeit
geprägt, dass es manchmal schwer fällt überhaupt noch
deutliche Unterschiede
zwischen den Biermarken festzustellen. Pilsner entwickelt sich langsam
zu einem
mittelmäßig gehopften Einheitsbier, was sich in
Zukunft noch durch
Werbebudget und Glasform unterscheiden wird. Die hohen Ansprüche,
was die
Edelhopfenbittere angeht, scheint beileibe nicht mehr von allen
beherzigt zu
werden, so belegen zumindest die Analysen der TU Berlin, dass die
Bitterwerte von
Pilsner kontinuierlich weiter sacken.
Bitterwerte
ist vielleicht genau das Stichwort... Bei der Bedeutung dieser
Biersorten
innerhalb Deutschlands und bei der Bedeutung, die die Hopfenproduktion
in
Deutschland hat, sollte hier eine viel engere Verbindung zwischen
diesen beiden
Welten geschaffen werden. Pilsner sollte und könnte wieder
verstärkt als
„Edelhopfen-Heimat“ angesehen werden mit bewusst später
Hopfengabe, um gerade
die Vielfalt und Würze des Hopfens hierzulande zu dokumentieren.
Sollte Helles
und Export im Ansehen unter dem Pilsner verbleiben, sollten diesen zwar
auch
stärker gehopft werden, hier käme es dann aber nicht zwingend
auf den
Edelhopfencharakter an.
Ferner
könnte Export und Helles mit einer stärkeren Differenzierung
der Alkoholgrade unterschieden
werden. Bei Export scheint es zumindest einen Ansatz in eine solche
Richtung zu
geben, denn ein Export Spezial ist eine Abwandlung eines regulären
Exports mit
einem Grad Plato mehr (statt 12, dann 13).
Hier
könnten sehr starke Versionen entstehen, vielleicht bis 8 % Alk.
Vol., die bei
einer ausgewogenen Hopfung immer noch eine gewisse Typizität der
Originalsorten
aufrechterhalten könnte. Oder es könnte die Methode
Vorderwürze und Nachgüsse
zur Herstellung eines starken und eines leichten Typs genutzt werden
(so etwas
wie Barleywine und einem „Zweitbier“). Die Einteilung nach Art der
belgischen
Graden könnte Vorbild sein.
Eine
Abgrenzung zu einem hellen Bock wäre möglich, wenn dieser als
ein eher
malzorientiertes Produkt weiterhin interpretiert würde.
Maßgeblich
ist bei einer Umgestaltung der Biersorten Helles, Pilsner und Export
die
Hopfenbetonung. Dies hätte u.U. auch zur Folge das
hopfenproduzierende Regionen
ihre eigene Herkunft stärker betonen könnten.
Märzen/Festbiere/Zwicklbier/Kräusenbier
Bei
diesen Biersorten kommt es maßgeblich auf Helligkeit und
Süffigkeit an, somit
sind diese eigentlich in ihrer Art schon recht gut positioniert.
Prinzipiell
sollte es hier bei der Malzbetonung bleiben, bei Märzen, bzw.
Festbier mit
einer mässigen Kohlensäure, dass diese ihrem Zechstatus auch
gerecht bleiben
können.
Zwicklbier
und Kräusenbier haben von der Art her zwar auch eher einen sanften
Ansatz durch
ihre Süße, aber man würde schon einen „jugendlichen
Charme“ mit diesen Bieren
verbinden. Somit wären Attribute, wie Hefetrübung,
Spritzigkeit, Süße,
vielleicht niedriger Alkoholgehalt (z.B. zwischen 3 und 4%) durchaus zu
begrüßen. Das schreit so ein wenig nach restsüßen
Bieren, entweder zu erreichen
durch Aufkräusen oder absichtlich niedrig vergärender Hefe.
Könnte auch als
saisonales Bier, z.B. nur im Sommer etabliert werden. Ein wenig
Diacetyl könnte
es geschmacklich weicher gestalten, obwohl Diacetyl in der Regel kein
erwünschtes Attribut ist, weil es angeblich mitverantwortlich
für die berühmten
Kopfschmerzen am nächsten Tag ist.
Dunkel/Braunbier
Hier
kommen wir schon in Regionen, die eine bewusste Malzbetonung darstellen
sollten
und das tut zumindest die Biersorte Dunkel auch. Dezente Hopfung und
keine
Röstaromen durch die Malze ist wünschenswert. Vom
Alkoholgehalt sollte es nicht
zu stark variieren, denn Vollbiercharakter würde zu diesem Bier
passen.
Allerdings
scheint es eine eklatante Lücke bei den untergärigen
deutschen Biersorten zu
geben – bernsteinfarbene Biere. Bei den obergärigen tendieren zwar
die Altbiere
in diese Richtung, aber eine untergärige Biersorte, die Malz und
Hopfen-Ausgewogenheit mit einer bernsteinfarbenen oder noch
schöner einem
rötlichen Anklang verbindet ist rar, könnte aber durch die
seltene Biersorte Braunbier
durchaus erfüllt werden.
Schwarzbier
Schwarzbier
wäre vielleicht ein ideale Kategorie, um Biere mit einer betonten
Malzbittere
den Verbrauchern zu bieten. Englische Biersorten, wie Porter und die
sicherlich
bekannte Sorte Stout sind dabei gute Vorbilder, was man alles mit einer
solchen
Sorte anstellen könnte.
Derzeit
präsentiert sich Schwarzbier leider in der Regel als eine fast zu
süffige
Weiterentwicklung eines Dunkel, nur dunkler eben. Die Krönung
stellt der
Werbespruch „Das Schwarz mit der blonden Seele“ dar, was fast wie ein
Verleugnung seiner Herkunft klingt... „das Bier ist zwar schwarz, aber
es wäre
schön, wenn die Verbraucher mich wie ein Pilsner behandeln
könnten“. Das ist
wie einen Mercedes mit Honda-Motor oder im Thailand-Urlaub zu McDonalds
essen
zu gehen und komplett konträr zu einer schlüssigen und
produktkonformen
Vermarktung. Siehe z.B. Guinness, welches bei weitem das bekannteste
und
erfolgreichste Stout ist und zurecht, denn es ist mehr als
sortentypisch.
Bei
Schwarzbier könnte es durchaus auch ähnliche Varianten wie
beim Stout geben (Coffee
Stout, Milk Stout, Imperial Stout etc.). Schwarzbier könnte somit
eine
Vorbildsorte für charaktervolle Malze werden, Anklänge von
Kaffee, vielleicht
mit Raucharomen, stark karamellastig wie geröstete Mandeln, betont
trocken,
vielleicht auch eine kleine Milchsäureinfektion, es gäbe eine
Menge Ideen.
Alkoholgrade könnten ohne weiteres von 4% bis 10% Alk. Vol.
variieren und immer
noch typgerecht wirken.
Heller
Bock/Dunkler Bock/Doppelbock/Eisbock
Bock
ist von der Art ein höheralkoholisches Bier, somit wäre es
sicherlich undenkbar
ein Bock mit 5% Alk. Vol. anzubieten. Prinzipiell sollte ein Bock auch
ein
malzbetontes Bier bleiben, könnte aber durchaus einen guten Teil
mehr Hopfen
vertragen ohne die Malzbetonung ernsthaft zu unterbinden. In der
Biersortenbeschreibung des BJCP wird bei den Bocksorten immer wieder
das Wort cloying benutzt, was auf deutsch so viel
wie appetitverderbend bedeutet, bzw. auf eine unangemessen hohe und
aufdringliche Süße anspielt, was sicherlich weder dem
Hersteller noch dem
Konsument recht wäre.
Heller
Bock kommt in der Biersortenbeschreibung nicht so gut weg, da es als
weder
Fisch noch Fleisch angesehen wird, allerdings hat es schon seine
Daseinsberechtigung. Gerade in der Version als Maibock hat es zumindest
einen
saisonalen Festcharakter und sollte ähnlich wie typische
Fastenbiere (z.B.
einem Weizenstarkbier) neben einem auffälligen
Kohlensäuregehalt eine gute
Portion Süße aufweisen, damit man damit die „Unstetigkeit“
des Umbruchs von Winter
zu Frühling gut symbolisieren kann. Da ein Maibock oft schon im
Februar
angeboten wird, wäre diese Interpretation durchaus in Ordnung.
Eine Variante
könnte ein Frühlingsbock sein.
Dunkler
Bock und Doppelbock sind prinzipiell so in Ordnung, mit der einzigen
Einschränkung, dass diese in der Regel nur etwas stärker
gehopft sein könnten,
zumindest um den wie oben geschrieben „cloying-Effekt“ zu unterbinden.
Ansonsten sind höherprozentige Biere immer gute Kandidaten
für mehr Vielfalt,
weil sie vom Aroma und Geschmack mehr Komplexität entwickeln.
Es
könnte hier ein Pendant zu einer italienischen
Wein-Qualitätsstufe entstehen,
die sog. Riserva-Qualität (bedeutet bei Wein ein Jahr
zusätzliche
Holzfasslagerung) und was bei Bier die Länge der Lagerung
kennzeichnen würde.
Eine
Randnotiz zu der Entwicklung, bzw. Herkunft des Bockbieres: Erstaunlich
ist,
dass Bockbier zwar aus Norddeutschland stammt, aber bis auf das
Einbecker
Brauhaus praktisch keine norddeutsche Brauerei diesen Biertyp
überhaupt noch pflegt.
Hier wäre ein wenig mehr Lokalpatriotismus angemessen, um diese
Biersorte
regional wieder heimischer zu machen. Diese Initiative könnte auch
im eigenen
Interesse von der Einbecker Brauerei selbst ausgehen.
Weizenbier/Weizenstarkbier/Roggenbier
kommen
wir zu den obergärigen Bieren…
Weizenbier
ist eine sehr alte Form der Braukunst, existierte sie doch schon lange
als eine
relativ gut definierte Sorte vor dem Siegeszug der untergärigen
Biere im 19.
Jahrhundert. Weizen scheint dem Bier eine ganz
außergewöhnlich kernige und
spritzige Art zu verleihen, welches ein hervorragendes Gegengewicht zu
den so
etablieren malzlastigen untergärigen Bieren darstellt. Dies sollte
unbedingt
aufrechterhalten werden.
Weizenbier
bietet vom Typus des Getränks eine große Spannbreite dar.
Die Tatsache, dass es
sogar als ein Starkbier vermarktbar ist zeigt die Existenz der
Weizenstarkbiere
nach Art Aventinus und Co. Ansonsten erscheint ein Weizenbier gerade
wegen
seiner spritzigen Art eher als ein sommer- und sportgeeignetes,
durstlöschendes
Produkt. Somit sollte erheblich mehr Wert auf alkohol-leichtere
Versionen eines
Weizens (in der Regel 5,5% Alk. Vol.) geschaffen werden.
4,5%
würde vollkommen reichen.
Das
spritzig-jugendliche Image könnte noch erheblich mehr
herausgearbeitet werden
durch niedrigvergärende Hefe, d.h. Restsüße, mehr
Fruchtesterbetonung etc.
Roggenbier
ist vom Prinzip eine Weizenbier-Machart. Welche anderen
Möglichkeiten bestehen
noch mit anderen Kornarten? Hier sollte eine eingehende
Auseinandersetzung,
bzw. geschmackliche Auseinandersetzung mit alternativen Kornarten
geschehen.
Vereinzelt tauchen einige Biere mit anderen Kornarten auf, wie z.B.
Dinkel,
Einkorn etc.. Leider bugsieren sich diese Biere schnell in eine zu
spezielle
Ecke oder man kann nicht eindeutig erkennen, welche geschmackliche
Varianz in
diesem Bier/Kornart steckt. Entweder sind diese Biere nicht gut genug
dokumentiert oder es wurde zu wenig Arbeit in die Brauart dieser
Spezialbiere
gesteckt – warum muss z.B. so ein Bier immer zwischen 5 bis 5,5% Alk.
aufweisen,
vielleicht kommen bei höheren Alkoholgraden die Charakteristika
dieser Kornart
viel besser durch?
Mit
Weizenbier existiert auch NOCH die hohe Kunst der
Flaschenvergärung,
Kostenaspekte scheinen sich aber möglicherweise auch immer mehr in
dieser
Sparte durch zu setzen, u.a. auch gefördert von dem
gastronomischen Irrweg,
dass Weizen aus dem Fass höherwertiger dargestellt wird, als ein
Flaschen(-vergorenes) Angebot.
Welche
Maßnahmen unterstützen eine stärkere Sensibilisierung
gegenüber
Flaschenvergärung?
Berliner
Weisse
Dieser
Biertyp ist faktisch vom Aussterben bedroht. Nur noch zwei große
Hauptstadtbrauereien scheinen sich immerhin die Mühe machen zu
wollen, diesen
Biertyp anzubieten. Allerdings kann man spekulieren, dass unter
Kostenaspekten
die Produktion auch irgendwann eingestellt werden könnte.
Berliner
Weisse hätte ein enormes Potenzial, wenn es weniger als ein
Schankbier
angesehen würde, sondern mehr als ein leichtalkoholisches Pendant
zu einem
Schaumwein. Eine gehobene Version mit Alkoholgraden bis 7% wäre
durchaus
realistisch, Flaschenvergärung ein Muss, Variationen im
Süßegrad wünschenswert,
vielleicht könnte man das sogar ohne Dosage von
Zuckerlösungen, wie beim
Champagne oder anderen Schaumweinen hinbekommen. Lange Lagerung bis zu
4 Jahren
würde ein edelmoussierendes Produkt entstehen lassen.
Alt/Kölsch
Diese
(teilweise europäisch geschützten) Regionalspezialitäten
sind in Ihrer Art
sozusagen vollkommen. Die Logik verbietet es eigentlich
größere Änderungen für
diese Typen von Bier vorzuschlagen.
Allerdings
kann man durchaus noch die Marke Alt
oder Kölsch versuchen zu verbessern, bzw. zu differenzieren. So
wird mit
„Sticke“ versucht die Hopfenbetonung eines traditionellen
Düsseldorfer Alts
noch stärker heraus zu arbeiten.
Ein
Kölsch wird zwar auch als unfiltrierte Version schon variiert
(Wiess),
allerdings
bedient diese Entwicklung möglicherweise nur einen schon
bestehenden Trend hin zu
naturbelassenen Produkten, aber stellt nicht unbedingt eine
eigenständige
Weiterentwicklung, bzw. Verbesserung des Produkts dar. Ein Kölsch
ist
allerdings ein obergäriges Bier, wobei eine absichtlich
Fruchtesterbetonung
eine Weiterentwicklung darstellen könnte. Vielleicht bestehen
sogar
Möglichkeiten helle Malze so herzustellen, dass sie bestimmte
Fruchtaromen
(malzbasierend) fördern.
Obergärige
Biere an sich präsentieren sich in Deutschland leider auch nur all
zu oft als
ein schlechter Nachahmer von untergärigen Sorten. So stellt ein
norddeutsches
Alt (s. Biersortenbeschreibung) durch
die Vergärung bei niederen obergärigen Temperaturen eine
Annährung an die "Vorzüge" eines untergärigen Bieres und
somit eine vermeintliche schlechtere Version des traditionellen
Düsseldorfer
Alts dar. Auch
kann man immer wieder erkennen, dass die Grundwerte eines
obergärigen Bieres ständig
unterwandert werden, kalte und lange Lagerung sollen tunlichst eine zu
auffällige Fruchtesterbetonung unterbinden. Dies ist ein
Indiz für Homogenisierung-Bestrebungen,
Kreativitätslosigkeit und mangelndem Mut in der deutschen
Bierbranche.