Vermarktungsansätze
für die Zukunft
Bier in Deutschland ist zutaten- und produktionsbedingt ein
qualitativ
hochentwickeltes Getränk. Weiterhin ist es das vielfältigste
Getränk, welches wir
in Deutschland haben. Geschmacklich, optisch und vom Alkoholgehalt her
lässt es sich stark variieren und bietet somit breiteste
Möglichkeiten der Vermarktung.
Regionale
Verbundenheit
"Bier braucht Heimat"
- ein sinniger Spruch, der eine Menge Inspiration
bieten kann, aber aus der Sicht der Kampagne
für gutes Bier e.V. wenig genutzt wird. Bier in
Deutschland ist
traditionell ein stark regional geprägtes Produkt und es gibt gute
Ansätze, die darauf abzielen sich
wieder auf diese regionalen Tugenden zu besinnen. Regionale
Herkunftsbezeichnungen, wie die Kölsch-Konvention
oder Bayrisches
Bier als Vermarktungsplattformen helfen Gemeinschaft im Inneren
aufzubauen und sich geschlossener nach Draußen zu
präsentieren. Hier werden Sammelmarken definiert, die allen
teilnehmenden Brauereien zugute kommen und wichtige langfristige
Instrumente
der Vermarktung darstellen. Allerdings kann diese Form der Vermarktung
noch viel
konsequenter betrieben werden. So mangelt es derzeit an einer viel
stärkeren Auseinandersetzung mit regionalentypischen
Gegebenheiten, z.B. welche Biersorte typisch
für die
Region ist und wie regionaltypisches Bier mit regionaltypischen
Lebensmitteln und Gerichten harmonieren kann.
Konsequentere
Auseinandersetzung mit einer potentiellen Kundschaft -
Ansprechen von Kundenkreisen
Das A und O der
Vermarktung ist eine korrekte Identifizierung einer Zielgruppe für
ein jeweiliges Produkt. Das Image und die "emotionale Aufladung" vieler
Biere ist oft undurchsichtig und funktioniert nur bedingt, manchmal
eher zufällig, in der Regel aber nur zeitlich begrenzt.
Einige existierende Beispiele:
1. Biere
in Bügelverschlußflasche sollen Traditionsfähigkeit
ausdrücken und bedingen eine Assoziation mit Aspekten wie
"Herkunft", "Tradition", "früher war alles besser (und reiner)".
2.
Modebier Gold: Emotional wird
ein junges partygeneigtes Publikum
angesprochen, was sich gegen die väterliche Sitte der herben,
gepflegten Biere richtet (hat etwas Rebellisches).
2a.
Biermixgetränke: Einst eine Begleiterscheinung der unerhört
erfolgreichen alkoholischen Readymixgetränke, die mit einer
Strafabgabe so schnell wieder vom Markt verschwunden sind, wie sie
auftauchten. Trotz Gefahr des Images einer Einstiegsdroge für
Alkohol hatten die Biermischgetränke am Anfang durchaus den
Anspruch
bewußt anders zu sein, als ein Produkt des Mitbewerbers -
inzwischen scheint aber nicht mehr die Produktinnovation gewünscht
zu sein,
sondern die Cash-Cow, d.h. übermässig gut laufende
Mischungen, speziell mit Lemon-Geschmack werden wohl noch so lange
laufen, bis es keiner mehr haben möchte.
3.
Rothaus Tannenzäpfle: Der Klassiker aus dem Schwarzwald scheint
rein zufällig bei den progressiven Genuß-Szene-Gängern
a la Zigarettenmarke American Spirit und Berlin-Friedrichshain
angekommen zu sein. Wahrscheinlich liegt es am Retro-Look des Etiketts,
so dass die geneigte Kundschaft dies für sich akzeptierte.
Kunden
können leicht segmentiert werden, da sie sich durch ihre
Tätigkeiten und Vorlieben outen. Dies tun wir alle in der Art der
bevorzugten Gastronomie oder des bevorzugtem gesellschaftlichen
Etablissement. Im Getränkehandel wird dies ungemein schwieriger,
da
es dort kaum eine qualitative oder sonstige
Segmentierung gibt. Dies ist ganz im Gegensatz zu Wein, der einerseits
im
billigsten Maße im Discounter, aber andererseits auch
extrem gehoben im spezialisierten Fachhandel gekauft werden kann. Diese
Form der qualitativen Unterscheidung gibt es im Bierhandel n
Deutschland fast noch nicht.
Hier
einige Beispiele für eine Segmentierung und den
möglicherweise
passenden Bieren:
1.
Aktiver Sport - hier bewerben einige Brauereien bereits Ihre
alkoholfreien Biere
2.
Schwangere oder junge Eltern - auch hier gibt es bereits gezielte
Werbung für alkoholfreies Bier
3.
Sportgastronomie - alkoholfreie und alkoholreduzierte Biere, sowie
Biere, die einen erfrischenden und fruchtigen Charakter haben, z.B.
flaschenvergorene Weizenbiere, belgisches Weizen, bzw. Biere, die wenig
die Hopfenbittere, sondern mehr den Aspekt des blumigen Hopfenaromas
betonen (z.B. Biere mit Tettnanger oder Saphir-Hopfen)
4.
Partyszene - eigentlich ähnlich wie bei 3. Sportgastronomie,
erfrischend und blumig, alkoholreduziert und schlank - vielleicht ein
altgedientes Diätbier mit neuem Etikett?
5.
Gehobene Gastronomie - hier ist wenig auf dem deutschen Markt zu
finden, was
passend wäre für die gehobene Gastronomie, denn es gibt
wenige
Biere, die genußbetont sind. Gute Vorbilder für sehr
gehobene Biere finden sich z.B. in der belgischen Bierbranche
(Trappistenbiere, Sorte Triple etc.)
6.
Auseinandersetzung mit Speisen - hier existiert ein weites Feld,
welches in Deutschland noch fast garnicht erarbeitet wurde... welcher
Biertypus passt zu welchem Bier? Hier sind dringend die Absolventen der
Brauakademie Doemens für den Lehrgang Biersommelier gefragt.
Hier eine
Reihe weiterführenden Beiträgen:
Gastronomie:
http://www.abseits.de/was_ist_gute_biergastronomie.htm
Gastronomie:
http://www.abseits.de/Bier_Trend.html
Saisonale
Biere
Die Saison ist ein
für den Menschen wichtiger Leitfaden, die Jahreszeiten bestimmen
unser Gemüt, unser Handeln und unsere Nachfrage. Auch das Essen
und Trinken ist trotz eines annährend perfekten globalen Handels
und moderner Anbaumethoden immer noch stark durch die saisonalen
Gegebenheiten geprägt. Jeder freut sich auf die Wochen im Jahr in
denen es Spargel gibt, Kirsch- und Erdbeerernte, Maischolle und
Karpfenzeit - die Liste ist lang.
Ähnliches
gibt es auch in der Bierbranche, so existieren hier
historisch-produktionsbedingte und andere saisonale Angebote, wie
Märzen/Festbier, Maibock und Weihnachtsbiere. Biere saisonal
anzubieten ist genauso wie eine Aktion zu machen für die man keine
Werbung
zu machen braucht. So weiß jeder, dass Ende September die
Festsaison in Süddeutschland beginnt und dass im Mai und in den
Monaten vorher Maibock angeboten wird. Es gibt noch eine Reihe von
weiteren Möglichkeiten Biere saisonal gekoppelt anzubieten:
- Fastenzeit:
...ist in Süddeutschland die traditionelle Starkbierzeit.
- Sommerzeit:
...ist eine hervorragende Zeit, um leichte Biere und
Biermischgetränke zu fördern. Inspiriert von der Biersorte
Berliner Weisse liessen sich auch eine Reihe von anderen geeigneten
Bieren kreiren. Z.B. Biere ähnlich wie die belgischen Weizenbiere
- im Hopfen fast neutral, dafür durch Gewürze fast
parfumartig im Aroma.
- Weihnachtszeit:
...ist auch eine geeignete Zeit für Starkbiere, die durchaus auch
mit Gewürzen hergestellt werden könnten oder mit einer
Kombination an Hopfensorten, die Hopfenwürze und -aroma besonders
betont. Optisch eignen sich natürlich bernsteinfarbene besonders
für diese Jahreszeit.
Dimension Preis
Der wohl
wichtigste Maßstab der Qualität eines Produkts ist dessen
Preis. Zumindest in der Theorie, d.h. abzüglich
Verzerrungen, die durch Nachfrage- und Angebotsschwankungen, sowie
durch produktfremde Kosten, wie exzessive Werbung etc. entstehen, ist
der Preis die aussagekräftigste Größe der Qualität
des Produkts. Dies ist nicht nur eine Tatsache, die Händler
beherzigen sollten, um dem Kunden eine objektive Auswahl zu
ermöglichen, sondern kann auch ein wichtiges Vermarktungs- und
Informationsinstrument des Herstellers sein. Angenommen, die
Herstellung eines Bieres ist tatsächlich 50% teurer als ein
anderes Bier, dann sollte der Preis idealerweise auch 50% höher
sein,
sodass der Kunde die Wertigkeit hier gebündelt wiedererkennen
kann.
Dimension Alkoholgrad
Der wohl
zweitwichtigste Maßstab der Qualität eines Bieres ist der
Alkoholgrad, denn hier kumuliert sich recht deutlich, welches Volumen
an Zutaten und Herstellung in dieses Bier hineingesteckt wurde. Es gibt
einige sinnvolle Beispiele, die den Informationsgehalt verdeutlichen:
- Autohersteller
nutzen unterschiedliche Typenbezeichnungen, um z.B. die
Größe und Art des Motors erkennen zu lassen und halten sich
recht konsequent an die Aussagekraft dieses Qualitätsmerkmals, um
den Preis zu gestalten.
- Ähnlich
verhält es sich bei Computermodellen, wo die wichtige
Meßlatte der Taktfrequenz des Chips den Preis beeinflußt.
- Einige
Brauereien in Belgien nutzen die sogenannten Belgische Grade für
die Einteilung Ihrer Biere. Der Belgische Grad stellt das spezifische
Gewicht eines Bieres, bzw. der Würze bei
Herstellung dar. Angenommen, ein Bier hat 1,080 Gramm pro Liter an
spezifischen Gewicht als Würze, dann wird daraus ein "8 Grad"
Bier.
Bei 1,060 sind dies "6 Grad". Ähnliches könnte z.B. auch
mittels der Stammwürze geschehen - berühmtestes Beispiel ist
sicherlich das EKU 28. Aussagekräftig ist dies allerdings nur
dann, wenn es auch andere "EKUs" gäbe, z.B. ein EKU 16 etc.
- Eine
Neukreation der Holsten/Carlsberg Brauerei ist das Produkt "Astra
Rotlicht 6.0" - eine Weiterentwicklung des Produkts Astra Urtyp, wobei
recht explizit auch mit dem Alkoholgrad geworben
wird.
Zutaten
und
Herstellung
Markenname und
Biersorte sind über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsene
"Merkmale", die entweder über die lange Zeit oder den massiven
Einsatz von Werbemitteln sich in den Köpfen der Kunden festgesetzt
haben. Gerade die Assoziation von Markennamen mit der regionalen
Herkunft steht für eine "starke" Verbindung. Markenbezeichnungen,
wie Münchner Hofbräuhaus
und Radeberger stellen dies
dar. Eine ebenso starke Aussagekraft haben die
Biersortenbezeichnungen, weil diese eine geschmackliche, qualitative
Aussage und bedingt auch eine Aussage zu den Zutaten und der
Herstellung treffen. Biersorten sind die eine gute Möglichkeit
Biere zu kategorisieren.
In der
Weinbranche gibt es eine Reihe von Vorbildern, die dazu dienen
könnten, wie Biere stärker differenziert und kategorisiert,
also qualitativ besser eingeordnert werden können.
Hier eine
Auflistung weiterer Kategorisierungsmöglichkeiten:
- Qualitative
Überkategorien - Tafelbier, Landbier, Qualitätsbier:
Bier in Deutschland ist hauptsächlich durch eine verlässliche
Grundqualität gekennzeichnet, die das Reinheitsgebot, bzw. das
Vorläufige Biergesetz ermöglicht. Im Vergleich zu anderen
Ländern gewährleistet dieses Gesetz einen Mindeststandard,
sodass kein wirklich schlechtes Bier in Deutschland existiert. Auf der
anderen Seite existiert aber auch kein überdurchschnittlich gutes
Bier in Deutschland. Das hat mehrere Gründe, die mit einer
undifferenzierten Nachfrage durch den Verbraucher, einem Mangel an
einem wirklichen GetränkeFACHhandel, einer wenig differenzierenden
Nachfrage durch die Gastronomie und letztlich einem Mangel an
langfristig ausgelegter Kreativität der Brauereien zu tun hat.
Woher soll der Konsument und alle nachfragenden Einheiten auch wissen,
was gut und was besser ist? Die gesetzliche Seite könnte
wenigstens ein Grundgerüst an qualitativer Differenzierung zur
Verfügung stellen: In Anlehnung an die Weinbranche und an
traditionelle Einstufungen von Bierqualitäten könnten drei
Kategorien von Bierqualitäten geschaffen werden: Tafelbier,
Landbier und Qualitätsbier. Eine genauere Betrachtung dieses
gedanklichen Ansatzes befindet sich unter: http://www.kgbier.de/Biergesetz.html.
- Qualitätsmerkmale
bei deutschen Weinen: Die deutsche Weinwelt bietet eine Vielzahl
von Orientierungsmöglichkeiten für den Verbraucher. Ein
deutsches
Weinetikett beinhaltet Angaben neben Alkoholgehalt, Amtliche
Prüfnummer und Abfüller, bzw. Hersteller auch Anbaugebiet,
Lage (Ort und Gebiet), Rebsorte und Qualitätskategorie (z.B. QbA,
Auslese etc.) etc. Gerade die Einstufung durch Qualitätskategorien
und die "Leitfunktion" der Rebsorten bietet Orientierung für
Verbraucher - und könnte dies auch beim Bier. Bei Bier könnte
die Erwähnung von Hopfen- oder Malzsorten diese Leitfunktion
übernehmen. Die Qualitätsstufen bei Wein beziehen
sich rein auf das sog. Mostgewicht - beim Bier hätte die
Stammwürze diese Funktion. Stammwürze wird bereits bedingt
bei einer qualitativen Unterscheidung von Leichtbier, Vollbier und
Starkbier genutzt ist aber in den Köpfen der Verbraucher nicht
mehr als eine steuertechnische Größe und hat keine
qualitative Aussage. Eine Kategorisierung oder gar Nutzung der
Stammwürze, wie z.B. bei den Belgischen Graden (s.o.) wäre
sinnvoll.
- Qualitätsmerkmale
bei französischen Weinen: Der Großteil der
Weinproduktion in Frankreich wandert in die Herstellung von Land- und
Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (Vin de Pays und AOC). Die
qualitativen Unterscheidungen sind unendlich, wobei sich die Einstufung
in Land- und Qualitätswein häufig an Kriterien, wie
Qualität des Anbaubodens, des Alkoholgrades und der relativen
Erntemenge (Hektoliter pro Hektar) orientiert. Die Spitze der
qualitativen Unterscheidung existiert in Bordeaux, wo es eine
Hierarchie von mind. 10 Qualitätsebenen gibt. Allerdings ist
häufig undurchsichtig, wie sich die Qualitätseinstufung
begründet - auch preislich geht es hier nicht immer logisch zu.
Auf Bier bezogen gäbe es eine Reihe von Inspirationen, um Biere
besser qualitativ unterscheiden zu können. So gab es einst eine
Unterscheidung "Spezial" als ein gehobenes Export (1 Grad Plato
Stammwürze mehr, als sonst bei Export üblich). Auch kann man
innerhalb verschiedener Alkoholgrade qualitativ unterscheiden - in
Belgien ist es z.B. üblich Biere einer Brauerei nach Alkoholgehalt
zu unterscheiden: Dubbel, Triple, Quadriple.
- Qualitätshierarchie
in Spanien: Eine sehr übliche qualitative Unterscheidung
bei Wein in Spanien ist das System der Holzfaßlagerung, wobei
nach Tinto Joven (kein Faß), Crianza (zwischen 6 und 12 Monaten)
und Reserva (ab 12 Monaten Faß und einige Zeit auf der Flasche)
unterschieden wird. (Lager)Zeit ist eine nachvollziehbare qualitative
Größe, denn auch bei Bier kann von einer qualitativen
Steigerung gesprochen werden, wenn es länger gelagert wird, Biere
harmonisieren sich geschmacklich z.B. mit einer längeren
Lagerzeit.
- Herkunftsbezeichnung: Eine
Etablierung einer Herkunftsbezeichnung ist die wohl eine große
Herausforderung in der Bierbranche, denn ein solches System der
Assoziation eines Produkts mit einer Region ist mit Sicherheit eines
der stabilsten Qualitätssysteme, die es gibt. Es gibt bereits eine
Reihe von Herkunftsbezeichnungen in Deutschland, wie oben schon
erwähnt. Interessant wird es dann, wenn die Biere auch objektiv
nachvollziehbar, z.B. in der Auswahl der Zutaten und in der
Herstellungsweise, an die respektive Region gebunden werden. Dies wird
im Rahmen des EU-Systems der Herkunftsbezeichnung durch ein sog.
Lastenheft festgeschrieben.